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Aus der FUNKE-Welt: Internationaler Tag der Pressefreiheit

In Folge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine beendete ein neues Mediengesetz Anfang März 2022 die Tätigkeit der unabhängigen Presse in Russland. Freie Meinungsäußerungen wie auch jede Form von Kritik am Krieg werden dort seitdem massiv beschränkt und dadurch konsequent unterdrückt. Zum gestrigen Internationalen Tag der Pressefreiheit 2022 haben unsere FUNKE-Titel erneut auf die schwierige Situation in der Ukraine und in Russland aufmerksam gemacht.

 

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) rief für den 3. Mai, den Internationalen Welttag der Pressefreiheit, um 12 Uhr zur Demonstration „Für Frieden und Pressefreiheit“ vor den diplomatischen Vertretungen Russlands in sechs deutschen Städten auf. Die Demonstration ist dem Gedenken an die sieben bisher im Ukraine-Krieg getöteten Journalist*innen gewidmet. Deutschlands größte Journalistenorganisation zeigt sich empört darüber, dass Berichten zufolge russische Streitkräfte gezielt Jagd auf Reporter*innen machen. „Wir fordern Russland zur sofortigen Beendigung des Ukraine-Kriegs und der Verfolgung von Journalistinnen und Journalisten auf“, erklärt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. „Wer Journalisten vorsätzlich tötet, begeht Kriegsverbrechen."

Westfalenpost: Geflüchtete Ukrainerin schreibt ab jetzt für FUNKE

Um Solidarität mit den vielen ukrainischen Journalist*innen zu bekunden, denen von einem Tag auf den anderen die Existenzgrundlage entzogen wurde, hat FUNKEs Westfalenpost (WP) seit wenigen Tagen eine neue Kollegin: Die Journalistin Iryna Hornieva flüchtete aus der Ukraine und schreibt aus ihrer Sicht über die Situation in ihrem Heimatland sowie über das Ankommen und Leben in Hagen.

 

„Die Presse- und Meinungsfreiheit ist ein Baustein unserer Demokratie. Vielleicht der wichtigste. Das spüren wir bei der WP gerade jetzt, da Iryna Hornieva nach ihrer Flucht aus der Ukraine unser Team als Kollegin mit ihrem Blick auf unsere Welt bereichert. Wir haben großes Glück“, sagt Jost Lübben, Chefredakteur der Westfalenpost.

Im Interview mit unserem WP-Kollegen Marcel Krombusch erzählt sie, wie ihre Flucht aus der Ukraine ablief, wie sie trotz der Umstände den Kontakt in die Heimat hält und was Freiheit für sie bedeutet:

„Freiheit ist für mich eine Gelegenheit, zwischen „Ja“ oder „Nein“ zu wählen, in dem Wissen, dass beide Optionen gehört und akzeptiert werden. Ohne Verurteilung oder bestimmte Motivationen.“ - Irina Hornieva

Auf ukrainisch: Свобода, як на мене - це можливість обирати між "так" чи "ні", знаючи, що обидва варіанти будуть почуті і прийняті. Без засудження чи спонукань - Irina Hornieva

Sie haben in der Ukraine als Journalistin gearbeitet und sind Anfang März nach Hagen geflüchtet. Wie kam es dazu?

Irina Hornieva: Ich lebte in Krementschuk, das liegt in der Zentralukraine. Dort war zu jener Zeit kein Kriegsgebiet. Dennoch hörten wir mehrfach am Tag den Fliegeralarm. Ich wohnte im 5. Stock eines Wohnhauses und wir, meine Kinder und ich, fühlten uns nicht mehr sicher. (Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wurde Krementschuk angegriffen. Mehrere Raketen zerstörten einen wichtigen Teil der Stadt fast vollständig, sodass die Bewohner derzeit ohne Warmwasser und Heizung sind, Anm. d. R.) Während des Fliegeralarms liefen wir in eine nahe Schule – ob Mitten in der Nacht oder am Tage. Meistens schliefen wir in unserer Kleidung, meine Kinder haben nicht geduscht, weil sie Angst hatten, dass währenddessen der nächste Fliegeralarm ertönt. Du fühlst dich immer so, als wärst du in Gefahr. Gott sei Dank passierte uns nichts, aber als ich einmal durch mein Wohnungsfenster einen Militärflieger am Himmel sah, war ich geschockt. Ich beschloss zu flüchten, als ich Bilder aus dem zerstörten Zentrum von Charkiw sah. Ich habe dort früher gelebt und sah den beschädigten Kindergarten, die getroffene Schule und das brennende Verwaltungsgebäude und realisierte, dass sie nicht nur militärische Ziele angreifen, sondern auch die Zivilbevölkerung. Ich beschloss, zu flüchten und meine Kinder zu retten.

 

Haben Sie noch Familie dort?

Ja, in Krementschuk. Meine ältere Schwester und ihr Mann blieben dort, weil Männer während des Krieges das Land nicht verlassen durften. Meine Schwester kümmert sich um unsere Eltern.

 

Haben Sie Kontakt?

Ja, ich gab ihnen den Schlüssel zu meiner Wohnung in Krementschuk und aktuell leben dort acht Flüchtlinge, zwei Familien. Die Familien lebten vorher in Charkiw, aber ihre Wohnungen dort wurden zerstört. Charkiw ist etwa 400 Kilometer von Krementschuk entfernt.

 

Wie lange dauerte ihre Reise von Krementschuk nach Hagen?

Wir fuhren zunächst mit dem Zug bis nach Lwiw und das war ein Alptraum. Die Fahrt dauerte 24 Stunden und die Waggons waren überfüllt. Wo normalerweise 6 Personen in einem Abteil sitzen, drängten sich nun 20 Personen. Meine Kinder lagen auf dem Boden, manche Reisende lagen in der Gepäckablage über den Sitzen. Wer zur Toilette musste, der musste über die Menschen steigen. Es war sehr heiß und das Kondenswasser tropfte von den Fenstern. In der Nacht stoppten wir sehr oft mitten im Nirgendwo. Sie sagten uns, wir sollten die Lichter ausmachen. Ich denke, weil es gefährlich war und wir an Kiew vorbeifuhren. Wir hörten Geräusche in der Ferne, die wir nicht zuordnen konnten und von denen ich glaube, dass es Schüsse waren. In Lwiw angekommen, blieben wir dort für eine Nacht. Und da hörte ich von einem Bus, der direkt nach Deutschland fährt. Wir fuhren 1 ½ Tage mit dem Bus und kamen direkt in Hagen an.

Die kamen in einer Villa in Hohenlimburg unter, die von der Firma Waelz­holz für Geflüchtete hergerichtet worden war. Das ist bald zwei Monate her. Was denken Sie über die fremde Stadt, in der Sie nun leben?

Die Villa war für uns nach dem Ankommen wie ein Paradies. Wir hatten das Haus, wir hatten genug zu essen, die Kinder bekamen Süßigkeiten und es kamen Menschen, die uns helfen wollten. Unterstützung gibt es bis heute, im alltäglichen Leben ist Routine eingekehrt.

Sie leben in der Villa mit anderen geflüchteten Frauen und deren Kindern. Wie sieht der Alltag aus?

Wir stehen morgens auf und bringen die Kinder zur Schule. Danach machen wir das Haus sauber, kochen das Mittagessen. Sonst haben wir nichts zu tun. Die meiste Zeit googeln wir, was man hier so machen kann, wie man sich nützlich machen kann, wie man Lösungen findet, um hier anzukommen.


Was bedeutet „Ankommen“ für Sie?

Es gab eine Zeit, da fühlte ich mich wie ein Affe im Käfig. Ich lebe gut und bin sehr dankbar, dass die Menschen hier uns Wohnungen und Essen geben. Aber ich bin nicht fähig, mein Essen selbst zu verdienen. Also recherchieren wir die meiste Zeit des Tages um zu erfahren, wie wir unabhängiger werden und uns nützlich machen können.


Wie würden Sie – oder Geflüchtete aus ihrem Umfeld - sich hier gerne einbringen? Was möchten Sie tun?

Wir würden uns zum Beispiel gerne als Freiwillige in Hohenlimburg und Hagen einbringen. Wir haben bei der Caritas gefragt, die wollte uns helfen, konnte es bisher aber wegen der Pandemiesituation noch nicht. Ich persönlich würde gerne hier einen Baum pflanzen, wenn es dafür öffentlich einen Platz gäbe. Hohenlimburg ist für eine Weile unser Zuhause geworden, und das Zuhause muss gepflegt und verbessert werden.


Was denken Sie, ist das größte Problem für geflüchtete Ukrainer, um in Deutschland anzukommen?

Es gibt eine riesige Informationslücke. Wir Geflüchtete können nicht verstehen, wie wir etwas bekommen. Wir wollen nicht die Regeln brechen und wir sind sehr dankbar für das, was hier für uns getan wird. Aber wir wissen nicht, wie wir es richtig annehmen können. Noch erklären uns die Leute höflich, was zu tun ist, aber ich denke, das wird nicht ewig so weitergehen.

Können Sie Beispiele aus dem Alltag nennen, wo Ihnen das auffällt?

Zum Beispiel, wenn wir mit dem Zug fahren. Geflüchtete dürfen kostenlos fahren. Als wir größere, weiter entfernte Städte per ICE besuchen wollten, da fanden wir heraus, dass wir dafür ein Ticket und eine Bestätigung benötigen, um regulär fahren zu dürfen. Und nirgendwo im Bahnhof fanden wir dazu vorher Erklärungen oder Anweisungen.


Es muss also besser erklärt werden…

Ja. Und selbst mit E-Ticket: Ich kam plötzlich in die erste Klasse, ohne es zu wissen. Ich habe den Unterschied nicht erkannt, es war das erste Mal für mich in diesem Zug. Verglichen mit ukrainischen Zügen sind die deutschen Züge alle sehr sauber, modern und leise. Anfangs fragte ich die Kontrolleure, aber sie können es nicht tausenden Flüchtlingen einzeln erklären.

Es kann noch Monate dauern, bis der Krieg vorbei ist. Was wollen Sie in Deutschland erreichen?

Ich möchte kein Parasit sein. Ich möchte nicht nur nehmen, sondern ich möchte nützlich sein – und ich bin sicher, vielen anderen Flüchtlingen geht es genauso. Es ist langweilig und seltsam, den ganzen Tag zu Hause zu sitzen und nichts zu tun, außer zu essen und zu putzen.

Hier geht es also auch um Stolz und Selbstwertgefühl…

… und Scham. Für unsere Kinder ist es ganz spaßig, wenn sie im Schnellrestaurant nach kostenlosen Burgern fragen. Aber als Erwachsene möchte ich für diese Hamburger bezahlen und das Geld dafür verdienen können. Aber vorher brauche ich jemanden, der mir erklärt, wie ich das in diesem Land schaffe.


Es ist wichtig für jedermann, ein eigenständiges Leben führen zu können…

Genau. Wir haben in der Waelzholz-Villa zwar Flüchtlingshelfer wie den Hagener Vadim Plotnikov, der uns unterstützt. Aber er hat sein eigenes Leben, seinen Beruf und seine Familie. Er kann nicht den ganzen Tag für uns da sein, und das wollen wir auch nicht. Wir müssen lernen, hier alleine zu leben, aber das ist schwierig, weil wir die Sprache nicht verstehen. Deshalb möchte ich Deutsch lernen. Und ich möchte recherchieren, auch um andere Geflüchtete darüber zu informieren, wie sie sich in diesem Land nützlich machen können. Damit sie hier ankommen können. Wir Ukrainer können hart und gut arbeiten – aber jemand muss uns erklären, nach welchen Spielregeln das in diesem Land funktioniert.

Hier finden Sie dieses Interview auf ukrainisch.

Eigene Kolumne

Über das Ankommen in Deutschland, ihre Erlebnisse und die Hürden, vor die Geflüchtete aus der Ukraine stoßen, wird Iryna Hornieva künftig in dieser Zeitung berichten. Ihre Texte erscheinen auf deutsch und ukrainisch unter wp.de/ankommen.

Jährliches Kunstwerk zum Internationalen Tag der Pressefreiheit

Seit 1994 wird am 3. Mai weltweit auf die extenzielle Bedeutung der Pressefreiheit für die Demokratie hingewiesen. Der Bund Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) beauftragt dazu stets ein Kunstwerk.

 

Diesmal ist es das Bild von Xenia Hausner. Es heißt "Out", also aus oder außerhalb. Es hat etwas mit ausklingen oder wegschauen zutun. Es zeigt eine junge Frau, die das sprichwörtliche Brett vor dem Kopf hält. Aber gleichzeitig erlauben die Sehschlitze das "Durchschauen".

Der Ukraine - Krieg — auch ein Krieg gegen die Pressefreiheit

Unser Recht auf Information ist bedroht – nicht nur durch den russischen Überfall auf die Ukraine. Warum Pressefreiheit so wichtig ist, erklärt Jörg Quoos in seinem Leitartikel in den FUNKE-Titeln.

 

Berlin. Wie sicher ist die Freiheit? Wie sicher sind Grenzen? Wie sicher sind wir vor Atomwaffen? Der russische Überfall auf die Ukraine hat buchstäblich über Nacht alte Gewissheiten, die über Jahrzehnte galten, zerstört und der ganzen Welt die Verletzlichkeit freier, offener Gesellschaften dramatisch vor Augen geführt.

Tausende Zivilisten und eine unbekannte Anzahl von Soldaten sind schon Opfer dieser militärischen Aggression geworden. Diese Menschenleben sind sicher der schlimmste Verlust, der zu beklagen ist.Wladimir Putin vergeht sich mit seinem Angriffskrieg aber auch an einer Freiheit, die für den Fortbestand von Demokratien unerlässlich ist. Es ist die Pressefreiheit, die dort ihr Ende findet, wo Journalistinnen und Journalisten der Zugang verweigert wird. Wo sie von Informationen abgeschnitten werden. Wo sie mit Gefängnis bedroht oder sogar ermordet werden.
In der Ukraine ist freier Journalismus aktuell kaum möglichIm besetzten Teil der Ukraine ist freies Arbeiten für die Presse unmöglich, dort herrscht das Faustrecht einer russischen Propagandamaschine, die jetzt sogar Adolf Hitler jüdisches Blut andichtet, um ihren Kampf gegen Präsident Wolodymyr Selen­skyj zu legitimieren.Auch die Ukraine lässt im Kampfgebiet keine Reporter zu. Ob es aus Sorge um deren Leben ist oder um die Hoheit über die Bilder zu bewahren, ist schwer zu ergründen.Auch in Russland selbst leiden Journalisten – nationale wie internationale Korrespondenten – unter einem Angstregime, das sie mit immer schärferen Bestimmungen in den Würgegriff nimmt.Wer als Journalist in Russland das Wort „Krieg“ benutzt, dem drohen bis zu 15 Jahre Lagerhaft. Damit schränkt Wladimir Putin die Pressefreiheit auch in Deutschland ein. Denn auch hier braucht man unabhängige Berichte, um sich ein Bild von der Lage in der Ukraine und in Russland zu verschaffen.
Auch in Deutschland leidet die PressefreiheitDiese notwendige Berichterstattung ist jetzt schon eingeschränkt, darunter leiden große Medienhäuser – auch unseres – und Millionen Leserinnen und Leser, die auf eine breite, ungefilterte Berichterstattung setzen. Daher ist der Kampf des ukrainischen Volkes für seine eigene Freiheit auch ein Kampf für die Pressefreiheit und verdient unsere Unterstützung.Doch nicht nur der Krieg lässt die Pressefreiheit unter die Räder geraten. Auch Hass und Intoleranz, die in der Corona-Pandemie erschreckend zunahmen, gefährden die Arbeit von Journalisten. Es ist bitter, dass Deutschland im Ranking von Reporter ohne Grenzen auf Platz 16 abstieg, weil Reporterinnen und Reporter auf vielen Querdenker-Demos nicht mehr sicher waren.
Google und Co. spielen eine unheilvolle RolleSie werden – teilweise durch professionelle Sicherheitsteams geschützt – weiter berichten. Aber sie brauchen auch die Solidarität von Demonstrantinnen und Demonstranten, sonst können sie ihren Job nicht auf Dauer machen.Nicht gewalttätig, aber äußerst wirksam wird die Pressefreiheit durch einen Markt gefährdet, der US-Tech-Giganten eine beherrschende Machtstellung erlaubt. Sie investieren winzige Summen in den Journalismus, aber saugen riesige Summen an Werbegeldern auf. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, bleiben privatwirtschaftlich geführten Medienhäusern nur die Brosamen.

Und: Guter Journalismus kostet GeldDabei kostet hochwertiger Journalismus Geld, das darf in der Debatte um Pressefreiheit nie vergessen werden. Geld, das für gute Reporter und unabhängige Redaktionen genauso gebraucht wird wie für eine Zustellung von freien Medien auch in den hintersten Winkel der Republik.Denn nur wenn unabhängige Medien für alle Menschen verfügbar sind, wird unsere Demokratie diese und kommende Krisen unbeschadet überstehen.Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.
Anlässlich des internationalen Tages der Pressefreiheit, führte die FUNKE-Unternehmenskommunikation ein Interview mit FUNKE-Reporter Jan Jessen. Gemeinsam mit dem Berliner Fotografen Reto Klar reiste er in der vergangenen Woche in die Ukraine und berichtete für die FUNKE-Portale vom Krieg. Zum Interview geht es hier.