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FUNKE-Reporter im Interview: Jan Jessen in Kiew: „Es herrscht Krieg!“

„Es herrscht Betroffenheit, Wut und reale Angst.“ Mit diesen Worten beschreibt Jan Jessen, Chefreporter Politik der NRZ, die aktuelle Situation in der Ukraine. Jessen befindet sich seit dem gestrigen Mittwoch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und berichtet für alle FUNKE-Titel von den Unruhen vor Ort. Die FUNKE-Unternehmenskommunikation erreichte ihn telefonisch und sprach mit ihm über die Situation vor Ort, den mittlerweile geschlossenen Flughafen in Kiew, aber auch über das umstrittene Sponsoring von FC Schalke 04, dessen größter Geldgeber der staatliche russische Gasanbieter Gazprom ist.

 

Lieber Jan, du bist seit dem gestrigen Mittwoch in Kiew und berichtest für die Titel der FUNKE Mediengruppe aus der Ukraine. Wie ist die aktuelle Situation vor Ort?

Jan Jessen: Es ist im Moment so, dass die Straßen nahezu leer sind. Ich höre von vielen Menschen, dass eine große Flucht in Richtung Westen begonnen hat. Die Ausfahrtsstraßen sind wohl alle komplett überfüllt, sodass sich der Verkehr momentan extrem mit Menschen staut, die Kiew eben verlassen wollen. Größtenteils sind die Geschäfte und Restaurants in der ukrainischen Hauptstadt geschlossen. Heute Morgen bildeten sich vor den Banken lange Schlangen, wobei die Geldautomaten nur noch geringe Summen ausgespuckt haben – umgerechnet etwa 30 Euro. Es herrscht also schon ganz viel Unruhe und Verunsicherung. Ich höre auch von Menschen, mit denen ich telefoniert habe, dass sie sich jetzt in Keller und Luftschutzräume zurückgezogen haben.

 

Was weißt Du über den Angriff der Russen bisher?

Ich bin im Umkreis rund um den Maidan in Kiew unterwegs und kann daher nicht genau sagen, was in der gesamten Stadt passiert, höre aber, dass die Russen mittlerweile schon 20 Kilometer vor Kiew sind.

 

Wenn man die Berichterstattung verfolgt, die jetzt durch deine Aussagen bestätigt werden, muss man aber schon sagen: In der Ukraine herrscht jetzt Krieg.

Ja, das muss man leider schon in dieser Deutlichkeit so sagen. Es herrscht Krieg!

 

Du hast auf deinem Facebook-Profil geschrieben, dass es letzte Nacht einen Luftangriff gab, weshalb ihr aus eurem Hotel evakuiert wurdet. Was ist da genau passiert?

Zwischen 5 Uhr und 5.30 Uhr ist der russische Angriff wohl gestartet. Dabei ist unter anderem der militärische Teil des Flughafens von Kiew angegriffen worden, aber auch andere militärische Einrichtungen. Dabei gibt es unterschiedliche Angaben, wie viele Explosionen es gab. Ich höre von drei, manchmal von fünf Explosionen.

 

Wie sieht denn die Situation aktuell am Flughafen, aber auch außerhalb der Stadt aus?

Der Flughafen von Kiew ist mittlerweile geschlossen, also auch der zivile Teil. Und es werden aktuell aus dem Norden und Osten des Landes zunehmende Gefechte gemeldet. Offenbar rücken die Russen aus Russland selbst vor, aber auch aus Belarus.

 

Was hat sich denn aus deiner Sicht in den letzten Tagen und Wochen geändert? Unruhen im Osten des Landes gab es ja schon länger. Wir kennen wahrscheinlich alle die Bilder aus Luhansk und Donezk, wo schon seit Jahren kriegsähnliche Zustände herrschen.

Was den russischen Präsidenten Wladimir Putin dazu bewegt hat, den großen Angriff auf die Ukraine zu starten, ist völlig unklar. Manche haben ihn zwar befürchtet, aber so richtig damit gerechnet hat von den Menschen, mit denen ich hier gesprochen habe, niemand. Alle sind geschockt, dass es jetzt ein Angriff dieser Größenordnung geworden ist. Putin setzt damit die gesamte Friedensordnung Europas aufs Spiel.

 

Du hast gerade gesagt, dass Du mit vielen Menschen vor Ort gesprochen hast. Was sagen die denn?

Die meisten Menschen sind natürlich verängstigt. Es gibt auch diejenigen, die Durchhalteparolen machen und nach Außen demonstrieren: ‚Wir sind stark. Wir werden kämpfen!‘ Ich habe auch mit ausländischen Menschen gesprochen, die total verzweifelt sind. Ein Austauschstudent aus Nigeria und ein Mann aus Indien, der zum Arbeiten hergekommen ist, waren extrem verunsichert, was jetzt weiter geschieht. Es herrscht aber auch Betroffenheit, Wut und reale Angst.

 

Was bedeutet dieser Krieg für den Rest der Welt – gerade auch für uns in Deutschland?

Wenn Deutschland konsequent wäre, müssten sie jegliche Wirtschaftsbeziehungen mit Russland einstellen. Das wird aber nicht funktionieren, da wir absolut abhängig von russischen Energieimporten sind. Russland ist unser größter Lieferant für Öl, Gas und Steinkohle. Das heißt, wenn wir jetzt konsequent wären und sämtliche Wirtschaftsbeziehungen mit Russland einstellen würden, würde es zum totalen Zusammenbruch der Energieversorgung in Deutschland führen. Deswegen ist mir aktuell noch nicht ganz klar, wie wir darauf reagieren können. Natürlich müsste mit möglichst scharfen Sanktionen reagiert werden und mit größter Solidarität für die Ukraine. Das würde dann auch Waffenlieferungen an die Ukraine beinhalten.

 

Aber genau diese Abhängigkeit von Russland ist ja die Schwierigkeit daran. Auch wenn man sich die Beziehungen zum FC Schalke 04 anschaut, dessen Hauptsponsor der staatliche russische Gasanbieter Gazprom ist. Einerseits ist man als Klub auf das Finanzielle angewiesen, andererseits wird der Gegenwind natürlich deutlich rauer. Wie ist deine Meinung dazu?

Schalke sollte den Vertrag mit Gazprom jetzt definitiv kündigen. Das wird dem Verein finanziell sicherlich wehtun, wäre aber aus meiner Sicht das einzig richtige Zeichen.

 

Was glaubst Du, wie sich die nächsten Tage entwickeln werden? Wird sich die Situation weiter zuspitzen?

Das kann ich überhaupt nicht voraussehen. Ich habe keine Ahnung, ob die ukrainische Armee kämpfen wird, bzw. inwieweit sie überhaupt Widerstand gegen den russischen Militärapparat leisten kann.

 

Wie lange bleibst Du für FUNKE denn noch vor Ort?

Eigentlich wollte ich am Samstag wieder abreisen. Das muss ich jetzt natürlich davon abhängig machen, wie die Flughafensituation bis dahin ist, bzw. ob man eventuell mit dem Zug noch ausreisen kann.