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FUNKE-Fotograf Reto Klar (l.) und Jan Jessen, Chefreporter Politik der NRZ (r.) auf dem Panzerfriedhof im ukrainischen Butscha.

FUNKE-Fotograf Reto Klar (l.) und Jan Jessen, Chefreporter Politik der NRZ (r.) auf dem Panzerfriedhof im ukrainischen Butscha.

 

Ukraine-Interview mit FUNKE-Reporter Jan Jessen: "Optimismus sehr bemerkenswert"

Sechs Tage lang berichtete FUNKE-Reporter Jan Jessen gemeinsam mit Reto Klar, Chef-Fotograf der Berliner Morgenpost, über den Krieg aus der Ukraine. Dabei legten die beiden 5.000 Kilometer auf der Straße zurück. Im Gespräch mit der FUNKE-Unternehmenskommunikation spricht Jan Jessen über emotionale Begegnungen, schlimme Bilder, eine plötzliche Aufbruchstimmung, aber auch über eingeschränkte Pressefreiheit in der Ukraine und Russland. 

Jan Jessen (l.) im Gespräch mit Priester Wolodymyr und seiner Frau Yulia. Foto: Reto Klar

Jan Jessen (l.) im Gespräch mit Priester Wolodymyr und seiner Frau Yulia. Foto: Reto Klar

Redaktion: Lieber Jan, du warst in der vergangenen Woche erneut in der Ukraine und hast von dort – gemeinsam mit Reto Klar - für alle FUNKE-Portale von den Geschehnissen vor Ort berichtet. Wir kennen alle die Bilder von zerbombten Häusern, Explosionen auf den Straßen und flüchtenden Menschen in Richtung Westen. Wo seid ihr diesmal hingereist? 

Jan Jessen: Wir waren diesmal in Kiew, Tschernihiw, Butscha, Borodjanka und Dnipro. Letzteres liegt etwa 400 Kilometer östlich der Hauptstadt Kiew und war unser östlichstes Ziel. In der Stadt laufen aktuell die ganzen Flüchtlinge aus Mariupol, der Region rund um Luhansk und aus Donezk und der gesamten Region Donbass ein. Es gab – wie fast überall im Land – regelmäßigen Luftalarm, wobei Dinpro jetzt noch nicht so häufig attackiert wurde. Aber natürlich hatten wir Kontakt zu vielen Menschen, die Kriegsopfer geworden sind.  

 

Und was erzählen die Menschen? 

Da gibt es zumBeispielWolodymyr. Er ist Priester aus Mariupol. Wir haben uns lange und ziemlich intensiv über den Glauben unterhalten. Er ist geflohen und hat seine Mutter dort verloren. Aber wir waren auch in einer Einrichtung für ältere Menschen mit Behinderung. Diese Menschen haben das Problem, dass sie nicht selbständig fliehen können. Das wird beispielsweise dann zur Belastungsprobe, wenn es darum geht, in Züge oder Busse einzusteigen. Ohne Rollstuhl kommen sie einfach nicht weiter. Die Menschen werden dann mit Ambulanzwagen aus der Einrichtung herausgeholt und in Richtung Westen gebracht. Beide Geschichten haben wir bereits auf den FUNKE-Portalen publiziert. Dabei haben wir  auch Menschen getroffen, die seit Wochen und teilweise Monaten in ihren Wohnungen oder Kellern festsitzen, um sich zu schützen. Ich habe mit einer 75-jährigen Frau gesprochen, die sich in ihrem Apartment versteckt hat, weil sie große Angst hat. 2014 hat es schon einmal heftige Kämpfe um Kramatorsk gegeben, bei denen ihr Haus zerbombt worden ist. Damals hat sie ein paar Wochen in einem Luftschutzkeller verbracht und seitdem totale Platzangst entwickelt. Sie ist dann die ganze Zeit in ihrer Wohnung geblieben, bis sie  Helfer irgendwann die Freiwilligen Helfer gerufen hat, weil es einfach täglich schwerste Bombardements gab. Da hatte sie dann so große Angst, dass sie stirbt. Also hat sie sich hinausbringen lassen. Das hat auch ganz gut geklappt. Allerdings soll sie jetzt nach Finnland gebracht werden. Von daher weiß sie nicht, ob sie ihre Heimat jemals wieder sehen wird. Das ist von daher noch ein Stück tragischer als die Schicksale, die wir vorher erlebt haben.

Fußballfan Stanislav Zarayenkow im völlig zerstörten Stadion seines Lieblingsvereins FC Desna aus der ersten Ukrainischen Liga. Foto: Reto Klar

Fußballfan Stanislav Zarayenkow im völlig zerstörten Stadion seines Lieblingsvereins FC Desna aus der ersten Ukrainischen Liga. Foto: Reto Klar

Wie dramatisch ist die Zerstörung in der Ukraine? 

Da kann ich aus Tschernihiw berichten. Das dortige Stadion des ukrainischen Fußballerstligisten FK Desna, die Bibliothek, ein Jugendzentrum, in dem früher einmal ein Kino war, und das bekannte Hotel Ukraina wurden durch Bomben komplett zerstört. Letzteres liegt  auch noch an der Friedensallee. Als wir an dem Stadion waren, saß an der Bushaltestelle ganz alleine ein Mann in einem Jogginganzug, der in den Farben des Vereins gekleidet war. Er sagte uns, dass das Stadion sein zweites Zuhause gewesen ist und er dort seit 27 Jahren zu jedem Heimspiel des Klubs gegangen ist. Entsprechend traurig war er in unserem Gespräch. Allerdings will Borussia Dortmund dieses Stadion wieder aufbauen – eine Delegation des BVB war wohl bereits vor Ort. 

FUNKE-Reporter Jan Jessen im Gespräch mit Lubow Lobowa vor ihrem völlig zerstörten Haus in Tschernihiw. Foto: Reto Klar

FUNKE-Reporter Jan Jessen im Gespräch mit Lubow Lobowa vor ihrem völlig zerstörten Haus in Tschernihiw. Foto: Reto Klar

Wo seid ihr auf eurer Reise noch gewesen?

Außerdem waren wir noch in Bobrowytzja, einem Vorort von Tschernihiw, an dem ukrainische Einheiten des Militärs stationiert sind Zum großen Pech einer Frau stand in ihrer Nachbarschaft ein ukrainischer Panzer, der möglicherweise das Ziel eines Angriffs war: Ihr Haus, in dem sie seit 1957 gelebt hat, wurde komplett zerstört.  Ihre Eltern haben das Haus gebaut und dort hat sie von Kindesbeinen an gelebt. Sie, ihr Mann und ihr Sonn hatten aber dennoch riesiges Glück, dass sie den Bombenangriff überlebt haben. Ihre Schweine, eine Kuh, ein Kalb, Hühner und Katzen sind bei dem Angriff alle gestorben. Zusätzlich hatte sie das Problem, dass einer ihr drei Söhne vom Militär eingezogen und in Mariupol stationiert worden ist. Seit über einem Monat haben sie jedoch nichts mehr von ihm gehört. Man kann davon ausgehen, dass er tot ist. 

Der Blick auf ein zerstörtes Sportgeschäft in Butscha. Foto: Reto Klar

Der Blick auf ein zerstörtes Sportgeschäft in Butscha. Foto: Reto Klar

Und wie sieht es inzwischen generell vor Ort aus?  

Die Kleinstadt Borodjanka nahe Kiew ist fürchterlich zerstört. Dort sind ganze Wohnblocks zerbombt worden. Beeindruckt hat mich die Situation in Butscha, der Stadt nördlich von Kiew, die weltweit traurige Berühmtheit erlangt hat, weil dort die Toten auf der Straße lagen. Dort ist zumBeispiel inzwischen alles aufgeräumt, es sind neue Straßenmarkierungen angebracht worden. Man sieht natürlich, dass dort Krieg stattgefunden hat. Links und rechts stehen kaputte Häuser und manche Bäume haben verbrannte Stämme. 

 

Heißt: Das Land befindet sich noch mitten im Krieg und die Menschen bauen die Trümmer bereits wieder auf? 

Ganz genau! Diesen Optimismus finde ich sehr bemerkenswert, weil das ein riesiger Unterschied zu vorherigen Kriegen ist. Wenn man sich die Stadt Mossul im Irak anschaut, findet man noch heute eine Ruinenlandschaft vor – zumindest im Westen der Stadt. Von daher ist es schon eindrucksvoll, dass die   die Menschen die Stadt wieder aufbauen.

Zerschossene Windschutzscheiben auf einem Autofriedhof in Butscha. Foto: Reto Klar

Zerschossene Windschutzscheiben auf einem Autofriedhof in Butscha. Foto: Reto Klar

Wobei Butscha doch auch diesen riesigen Panzerfriedhof hat, oder? Einige Kolleginnen und Kollegen kennen vielleicht das Foto von Reto Klar und dir, auf dem ihr auf einem solchen Panzer sitzt. 

In Butscha gibt es genau diesen Platz, auf dem russische Panzer und Militärfahrzeuge stehen. Die Wracks stehen direkt an der Straße. Eigentlich haben wir dort nur angehalten, um ein paar Fotos zu machen. Dann waren daneben aber auch zerstörte Autos von Zivilisten und inmitten der Trümmer stand ziemlich verloren ein Mann und wir merkten, dass er schwer angefasst war. Deshalb sind wir zu ihm hingegangen und haben ihn angesprochen. Sein Name ist Oleksandr. Es stellte sich heraus, dass in dem Fahrzeug, vor dem er stand, seine Frau, sein Sohn und sein Schwiegervater gestorben sind. Die drei wollten Anfang März eigentlich nach Kiew fahren, da es in ihrer Heimat massivste Kämpfe um einen nahegelegenen Frachtflughafen gab. Auf der Flucht ist die Familie in einen russischen Hinterhalt geraten und von Maschinengewehren zerfetzt worden. Oleksandr hat das alles live miterlebt, weil er zu dem Zeitpunkt im Fahrzeug dahinter gefahren ist. Zusätzlich zu diesem Schicksalsschlag kam noch hinzu, dass die Leichen seiner Verwandten wochenlang nicht aus dem Fluchtauto geborgen werden konnten. Erst als sich die russischen Streitkräfte zurückzogen, konnten die Angehörige sich um die Bergung und Identifizierung kümmern. 

Hier werden die Patient*innen einer Einrichtung für ältere Menschen mit Behinderung verladen und für die Flucht fertig gemacht. Foto: Reto Klar

Hier werden die Patient*innen einer Einrichtung für ältere Menschen mit Behinderung verladen und für die Flucht fertig gemacht. Foto: Reto Klar

Kommst du bei den Anblicken, die du in der Ukraine siehst, auch psychisch an deine Grenzen? 

In meiner Zeit als Krankenpfleger habe ich mir ein dickes Fell angelegt. Das muss man natürlich schon haben, wenn man solche Sachen sieht. Es ist sehr emotional und man hat an der ein oder anderen Stelle doch die Tränen in den Augen stehen. Manchmal muss man dann die Menschen auch in den Arm nehmen. Das ist zwar nicht professionell, aber das ist in solchen Momenten egal. 

 

In solchen Momenten kann man wahrscheinlich auch gar nicht professionell sein, oder? 

Man muss schon eine gewisse Professionalität haben. Das Gesehene darf einen niemals seelisch anfassen. Es darf aber schon dein Herz berühren. Wenn du da nicht emotional bist, bist du ein Stein. 

 

Hattet ihr eigentlich schon im Vorfeld Kontakte in die Ukraine, oder seid ihr den Menschen, über die ihr berichtet habt, durch Zufall begegnet? 

Der Einzige, zu dem ich wirklich Kontakt hatte, war der Priester. Allen anderen Menschen sind wir durch Zufall begegnet. Die Begegnung mit dem Fußball-Fan, oder mit der Bibliothekarin waren wirklich sehr krass. Jede und jeder hatte eine Geschichte zu erzählen.

Eine Brücke in Irpin bei Butscha, rund vier Wochen nach dem Angriff russischer Truppen auf die Kleinstadt nahe Kiew. Foto: Reto Klar

Eine Brücke in Irpin bei Butscha, rund vier Wochen nach dem Angriff russischer Truppen auf die Kleinstadt nahe Kiew. Foto: Reto Klar

Läuft die Flüchtlingswelle immer noch? Wir haben alle die Bilder von völlig verstopften Straßen im Kopf. 

Es gibt noch Flüchtlinge, die Richtung Westen reisen, aber nicht mehr so viele. Die Menschen kehren teilweise sogar in die Ukraine zurück – insbesondere nach Kiew. Es war deutlich mehr Verkehr auf den Straßen im Vergleich zu den Tagen, an denen ich das erste Mal vor Ort war. Das Leben kehrt unter Kriegsbedingungen zurück. Sogar einige Geschäfte und Restaurants haben wieder geöffnet. Die Menschen denken, dass sich der Krieg vorerst mehr auf den Osten konzentrieren wird und sie somit in Kiew nicht unmittelbarer Gefahr ausgesetzt seien. Wobei es zum Zeitpunkt unseres Besuchs auch einen Angriff in Kiew gab. Ganz weg ist der Krieg da natürlich auch nicht. 

 

Wie seid ihr eigentlich vor Ort gereist? 

Wir sind mit dem Auto durch die Ukraine gereist. 

 

Und wie lief das ab? Mit wem wart ihr unterwegs? 

Wir waren mit unserem Organisator Oleg und dem Übersetzer Dasha unterwegs. Oleg ist auch Journalist, kommt aus Donezk, hat gute Kontakte zum Militär und ich habe ihn durch eine ukrainische Freundin kennengelernt. Mit ihm waren wir schon beim letzten Besuch unterwegs – damals allerdings mit einem anderen Übersetzer. Wir haben mit den Anfahrtswegen aus Deutschland an sechs Tagen 5.000 Kilometer abgespult. 

 

Habt ihr vor Ort auch Angst gehabt? 

Nein, überhaupt nicht. Die Ukraine ist gigantisch groß und der Krieg ist meistens recht weit weg. Wir haben dieses Mal zum Glück nicht eine Explosion mitbekommen. 

 

Gestern war der internationale Tag der Pressefreiheit. Wie steht es darum in der Ukraine? 

Wir haben in der Ukraine Kriegsrecht. Dadurch ist die Pressefreiheit natürlich extrem eingeschränkt. Alle Fernsehsender sind gleichgeschaltet, alle Kanäle senden das gleiche Programm. Berichterstattung aus dem durch Separatisten kontrollierten Donbass ist nicht möglich. Auch kann aus Regionen, in denen Kriegshandlungen stattfinden, nicht berichtet werden. Das war in anderen Kriegen anders. Als ich in Mossul (Irak) war, konnte ich in die Stadt, während die Kämpfe tobten. 

 

Abschließende Frage: Muss der Westen diesbezüglich mehr Druck aufbauen, um für mehr Pressefreiheit zu sorgen? 

Nein, das denke ich nicht. Natürlich wäre es toll, wenn alle Medien auch frei aus Russland berichten könnten. Aber das steht momentan nicht auf der Prioritätenliste. Mit wem man über Pressefreiheit sprechen könnte, ist die Türkei. Diese ist immerhin unser NATO-Partner und Moderator in diesem Konflikt. Auf die Türkei müssten Deutschland und Frankreich viel mehr Druck aufbauen, um die Sicherheit unserer Kolleg*innen zu gewährleisten. Das wäre aus meiner Sicht ein guter Beitrag zum internationalen Tag der Pressefreiheit. 

 

Das Interview mit FUNKE-Reporter Jan Jessen führte Christian Schaffeld aus der FUNKE-Unternehmenskommunikation. Die Fotos aus der Ukraine stammen von Reto Klar, Cheffotograf der zu FUNKE gehörenden Berliner Morgenpost.

Weitere FUNKE-Berichterstattung zum internationalen Tag der Pressefreiheit finden Sie auf unserer Übersichtsseite. Klicken Sie gerne hier.